Zum 125. Geburtstag von Ernst Jünger
Heute vor 125 Jahren, am 29. März 1895, wurde der Schriftsteller Ernst Jünger geboren.
In jungen Jahren der nationalrevolutionären Strömung der Konservativen Revolution zugerechnet, war Ernst Jünger zeitlebens politisch. Das aber auf eine ganz bestimmte Weise. Exemplarisch bringt das sein Essay „Der Waldgang“ aus dem Jahre 1951 zum Ausdruck. Hier wendet sich vom politischen Tagesgeschäft des Parteienstaats ab und einer höheren Ebene des Politischen zu. Der Einzelne wirkt politisch schon durch seine aufrechte Haltung, seine innere Unbestechlichkeit gegenüber jeglicher ideologischer Schublade.
Deshalb ereignet sich Politik für Jünger auch weniger in Wahlen, seiner Ansicht nach nicht wirklich etwas bewirken können, sondern vor allem auch dazu dienen oppositionelle Gegenkräfte in das Herrschaftsgefüge einzubinden und damit an die Kette zu legen. Zugleich ist die Mehrheit aber dermaßen vom Wohlgefühl des Wohlstandes eingelullt, dass sie es gar nicht bemerkt, wenn ihr die Freiheit genommen wird:
Der Einzelne steht nicht mehr in der Gesellschaft wie ein Baum im Walde, sondern er gleicht dem Passagier in einem sich schnell bewegenden Fahrzeug, das „Titanic“ oder das auch Leviathan heißen kann. Solange das Wetter gut ist die Aussicht angenehm, wird er den Zustand minderer Freiheit kaum gewahren, in den er geraten ist. Es tritt im Gegenteil ein Optimismus auf, ein Machtbewußtsein, das die Geschwindigkeit erzeugt. Das wird dann anders, wenn feuerspeiende Inseln und Eisberge auftauchen.
(E. J., Der Waldgang, 1951)
Der „Waldgänger“, der sich von diesem Mechanismus emanzipiert hat, muss den Versuchungen des Massendaseins widerstehen und den Repressalien der Herrschenden geschickt entgehen. Trotzdem kann er sich durch Aktionen widersetzen, was vom Ungehorsam bis — im Extremfall — zum Partisanenkampf führen kann. Letzteres schließt Jünger selbst vor dem Hintergrund des eigenen Erlebens zweiter Weltkriege nicht aus. Oder vielleicht gerade deswegen?
Das alles geschieht in dem Bewusstsein, dass es ihm das Leben kosten kann und der übermächtigte Gegner sein Leben im Zweifel auch nicht schonen wird. Er ist bereit, um des Widerstandes Willen alles zu geben. Interessant ist m.E. ein weiterer zweitloser Gedanke: Es ist schwer, ein Waldgänger zu sein und es nicht jedem in die Wiege gelegt. Aber es können sich äußere Umstände ergeben, durch die der Einzelne dazu gemacht wird.
Anders gesagt: Um so größer die Not, um so mehr Waldgänger werden aus der Komfortzone hervortreten und bereit sein, ihre Freiheit einzufordern. Wohlfühl-Mentalität begünstigt Unfreiheit und wie der (freiwillige oder unfreiwillige) Verlust der Komfortzone Voraussetzung für wahre Freiheit ist. Das sei allen ans Herz gelegt, die zwar die Probleme unserer Zeit erkennen, aber nicht bereit sind, die persönlichen Konsequenzen zu tragen, um selbst auf ihre Beseitigung hinzuwirken. Ich sage: Lesen!


