Standpunkte,  Umwelt

Hoch­was­ser­ka­ta­stro­phe im Rhein­land: Monu­men­ta­les Staats­ver­sa­gen oder eis­kal­te Berechnung?

Immer, wenn das Wet­ter mal wie­der ein wenig zu schön oder zu schlecht, zu trocken oder zu nass, zu heiß oder zu kalt ist, tön­te für gewöhn­lich die Schar der Main­stream-Wet­ter­frö­sche, dass das jetzt alle viel zu extrem sein und am Kli­ma­wan­del lie­gen wür­de usw. Es ist eine Tat­sa­che, dass das Kli­ma stän­di­gen Ver­än­de­run­gen unter­wor­fen ist und auch der Mensch einen gewis­sen Anteil dar­an hat. Grund zur einer Hyste­rie, wie wir sie seit weni­gen Jah­ren erle­ben, ist das aber noch lan­ge nicht. Der Mensch ist seit dem Beginn sei­ner Exi­stenz dazu in der Lage gewe­sen, sich ver­schie­de­nen Wet­ter- und Umwelt­be­din­gun­gen anzu­pas­sen. Viel­fach war das mit gro­ßen Opfer ver­bun­den, aber – welch Wun­der! – wir haben es überlebt!

In der moder­nen Zeit mit all ihren tech­ni­schen Errun­gen­schaf­ten in Sachen Wet­ter­vor­her­sa­ge, Hoch­was­ser­schutz und Kata­stro­phen­ma­nage­ment ist es ungleich leich­ter gewor­den, mit Extrem­si­tua­tio­nen umzu­ge­hen. In der Not offen­ba­ren sich zudem bei Vie­len schon fast ver­ges­se­nen Tugen­den: Soli­da­ri­tät, Hilfs­be­reit­schaft, Gemein­sinn. Schon beim Elbe­hoch­was­ser 2002, dass ich hier in Dres­den selbst mit­er­leb­te, hat­te sich das gezeigt. Wild­frem­de Men­schen pack­ten sich Gum­mi­stie­fel, Schau­fel und Räum­ge­rät ein und fuh­ren auf eige­ne Faust in die vom Hoch­was­ser betrof­fe­nen Regio­nen oder spen­de­ten. Damals ging ein Wel­le der Soli­da­ri­tät durch unser Land, die uns bei allen Opfern, per­sön­li­chen Kata­stro­phen und Ent­beh­run­gen letzt­lich doch zeig­te, dass wir – gleich ob in Ost oder West – doch immer noch ein Deutsch­land sind.

Nach­dem die gröb­sten Schä­den besei­tigt waren, ging es nicht nur an den Wie­der­auf­bau. Mit sehr viel Geld wur­de auch der Hoch­was­ser­schutz an der Elbe und ihren Neben­flüs­sen deut­lich ver­bes­sert. Die 2002 vom Was­ser arg gebeu­tel­te Stadt Dres­den besitzt seit­dem mobi­le Hoch­was­ser­schutz­wän­de, Tal­sper­ren wur­den aus­ge­baut, Rück­hal­te­becken, Dei­che und Schutz­mau­ern ver­bes­sert oder neu erreich­tet, Fluss­läu­fe aus­ge­baut und in eini­gen Fäl­len gan­ze Sied­lun­gen (Röderau-Süd) oder fluss­na­he Grund­stücke auf­ge­ge­ben. Auch die Sire­nen, ein ein­fa­ches, aber wir­kungs­vol­les Instru­ment, um vor unmit­tel­bar bevor­ste­hen­den Kata­stro­phen zu waren, funktionier(t)en hier­zu­lan­de bereits 2002. Sach­sen hat sei­ne Lek­ti­on also gelernt.

Als ich letz­ten Sonn­abend gera­de zufäl­lig in Bad Schandau war, und zwar genau zu der Zeit, als sich die Was­ser­mas­sen auch über die Neben­flüs­se ins Elb­tal ergos­sen und Tei­le der Innen­stadt min­de­stens knö­chel­tief unter Was­ser setz­ten, Hang­rut­sche aus­lö­sten und die Bun­des­stra­ße nach Tsche­chi­en unpas­sier­bar mach­ten, wirk­te die Stadt trotz der miss­li­chen Lage unauf­ge­regt. Nach einer unfrei­wil­li­gen Unter­bo­den­wä­sche im Was­ser der Kir­nitzsch konn­te ich unbe­scha­det die Heim­fahrt antreten.

Einer der (poli­ti­schen) Hel­den der Hoch­was­ser­ka­ta­stro­phe in Rhein­land-Pfalz und Nord­rhein-West­fa­len ist für mich Hel­mut Lussi. Nicht nur, dass der Bür­ger­mei­ster­der klei­nen, mehr als tau­send Jah­re alten Gemein­de Schuld vor lau­fen­den Kame­ras in Trä­nen aus­brach. Sein Ver­dienst liegt vor allem dar­in, dass er der ver­spä­te­ten Kata­stro­phen­tou­ri­stin aus dem Kanz­ler­amt mutig in alle Öffent­lich­keit in die Para­de fuhr. Wäh­rend Ange­la Mer­kel auch ange­sichts des unvor­stell­ba­ren Leids mit ihren Kli­ma-Phra­sen nicht an sich hal­ten konn­te, sprach Bür­ger­mei­ster Lussi aus, was vie­le Betrof­fe­ne vor Ort wie auf­merk­sa­me Beob­ach­ter in der Fer­ne den­ken:

„Wir haben in der Chro­nik der Gemein­de Schuld mal nach­ge­se­hen: Das erste Hoch­was­ser war so um 1790. Ich glaub da gab’s noch kein Kli­ma­wan­del oder nicht in den Dimen­sio­nen. Das zwei­te Hoch­was­ser war jetzt 1910. Das drit­te, das unend­li­che Dimen­sio­nen über­schrit­ten hat, war jetzt 2021. Also ich glau­be, uns hät­te kein Hoch­was­ser­schutz gehol­fen, weil man kann so was gar nicht berech­nen, wie bei sol­chen Was­ser­mas­sen sich die Ahr ver­hält, das ist schier unmöglich.“

Die kom­plet­te Sze­ne wur­de mitt­ler­wei­le viel­fach in den sozia­len Netz­wer­ken geteilt.

Ich möch­te dem muti­gen Bür­ger­mei­ster den­noch wider­spre­chen. Nicht was sei­ne Mei­nung zum Ein­fluss des Kli­ma­wan­dels auf das kon­kre­te Hoch­was­ser­er­eig­nis betrifft. Auch tei­le ich die Mei­nung, dass kein Kli­ma­schutz – so lehrt uns die Geschich­te – der­ar­ti­ge Kata­stro­phen ver­hin­dern kann. Bri­ti­sche Hoch­was­ser­ex­per­ten erhe­ben schwe­re Vor­wür­fe an die Bun­des­re­gie­rung: Wur­den die betrof­fe­nen Gebie­te trotz Kennt­nis der Gefahr nicht gewarnt? Opfer berich­ten, sie hät­ten in der Nacht nicht eine ein­zi­ge Sire­ne gehört.

Die bri­ti­sche Hydro­lo­gie-Pro­fes­so­ring von der Uni­ver­si­tät Rea­ding, Han­nah Clo­ke, spricht von einem “monu­men­ta­les Ver­sa­gen des Systems”. Es sei sinn­los, ein Warn­sy­stem wie das Euro­pean Flood Awa­reness System (Efas) mit auf­wän­di­gen Com­pu­ter­mo­del­len zu schaf­fen, auf deren Basis der­ar­ti­ge Ereig­nis­se vor­her­ge­sagt wer­den kön­nen, wenn die War­nun­gen am Ende nicht vor Ort ankom­men. Das als Reak­ti­on auf die Flut­ka­ta­stro­phen an Elbe und Donau 2002 geschaf­fe­ne Efas habe 2014 in Kroa­ti­en den Behör­den gehol­fen, sich auf die Über­schwem­mun­gen vor­zu­brei­ten. Efas hat schon am 10. Juli, also vier Tage vor­her, die deut­schen (und bel­gi­schen) Behör­den gewarnt, dass im Rhein­land, ins­be­son­de­re an den Flüs­sen Erft und Ahr sowie in den Städ­ten Hagen und Alte­na extre­me Über­schwem­mun­gen dro­hen. 24 Stun­den vor­her habe es eine prä­zi­se War­nung gege­ben, die fast genau vor­her­sag­te, wel­che Gebie­te durch die Regen­fäl­le am stärk­sten betrof­fen sein wür­den. Die hohe Opfer­zahl zei­ge, dass es vor Ort weder War­nun­gen noch Eva­ku­ku­ie­run­gen gege­ben habe.

In der Bun­des­pres­se­kon­fe­renz gibt sich die Bun­des­re­gie­rung ahnungs­los. Das Bun­des­mi­ni­ste­ri­um für Ver­kehr und digi­ta­le Infra­struk­tur infor­miert über The­men zu Ver­kehr, Mobi­li­tät und digi­ta­le Infra­struk­tur (BMVI) wuss­te nicht, ob man gewarnt wor­den sei und das Innen­mi­ni­ste­ri­um wuss­te kei­ne Ant­wort auf die Fra­ge, war­um es immer nicht mög­lich sei (19 Jah­re nach dem Elbe­hoch­was­ser 2002!!!), die Bevöl­ke­rung mit Sire­nen und Warn-Apps vor der­ar­ti­gen Gefah­ren­si­tua­tio­nen zu warnen.

Wir erin­nern uns: Der mit gro­ßem Auf­wand öffent­lich zele­brier­te bun­des­wei­te Warn­tag am 10. Sep­tem­ber 2020 war ein Rohr­kre­pie­rer. Man hat­te fast genau 10 Mona­te Zeit gehabt, um die Instal­la­ti­on der Sire­nen nach­zu holen. In Rhein­land-Pfalz und Nord­rhein-West­fa­len, wo im Übri­gen die Grü­nen jeweils Regie­rungs­er­fah­rung vor­wei­sen kön­nen, sind dar­aus kei­ne Kon­se­quen­zen gezo­gen wor­den. Ich behaup­tet, daß viel weni­ger Men­schen gestor­ben wären, wenn sie auch nur weni­ge Minu­ten zuvor durch Sire­nen gewarnt wor­den wären.

Der Vor­wurf eines »munu­men­ta­len Staats­ver­sa­gens« steht im Raum. Statt­des­sen ver­su­chen Noch-Kanz­le­rin Mer­kel, ihre Apo­lo­ge­ten und Hof­be­richt­erstat­ter, reflex­ar­tig alle Ver­ant­wor­tung dem Kli­ma­wan­del in die Schu­he zu schie­ben. Das ist nicht nur bequem, son­dern auch nütz­lich. Es ist zu befürch­ten, dass nach der Coro­na-Kri­se nun der Kli­ma­wan­del als Fei­gen­blatt für die Demon­ta­ge und Trans­for­ma­ti­on unse­re Wer­te­ord­nung und Demo­kra­tie hin zu einer para-tota­li­tä­ren Gesell­schaft fort­ge­setzt wer­den soll. Mitt­ler­wei­le wer­den Stim­men laut, die behaup­tet, man habe die Men­schen aus Des­in­ter­es­se oder sogar aus poli­ti­schem Kal­kül sich selbst über­las­sen. Wenn man jetzt immer wie­der hört, dass auf eige­ne Faust ange­rei­ste Hel­fer weg­ge­schickt wer­den, wäh­rend sich staat­li­che Hel­fer nicht blicken las­sen und vie­le Men­schen auch jetzt noch sich selbst über­las­sen sind, kann man auch die­se Eklä­rungs­ver­su­che nicht völ­lig von der Hand weisen.